50 Senioren-Wohnungen

Nürnberg, Webersgasse

Angesichts sinkender Gemeindegliederzahlen und Verknappung der finanziellen Möglichkeiten entstehen in den kommenden Jahren große Herausforderungen, den umfangreichen kirchlichen Gebäudebestand zu erhalten. Was tun mit Gemeinderäumen, die keiner mehr braucht, und welche alternativen Nutzungsmöglichkeiten bieten sich an? Wie kann eine sinnvolle Transformation des kirchlichen Gebäudebestandes gelingen? Fraglich ist dann, wer sich als neuer Betreiber anbietet und dabei die Investitionen in die notwendigen Umbauten finanzieren kann. Welche Chancen bieten alternative Konzepte zur Verwertung der Grundstücke unter Aufgabe der Bestandsmasse mit komplett neuen Nutzungen, die trotzdem dem Anspruch einer gemeinnützigen Ausrichtung genügen und im Sinne des kirchlichen Auftrags zum Mehrwert für die Stadtgesellschaft beitragen? 

 

Das waren die Fragen, die bei der Suche nach einer sozialorientierten Folgenutzung für das bisher mit einem zweigeschossigen Pfarrhaus bebaute Grundstück im Nürnberger Stadtteil St. Leonhard im Raum standen. Der Nutzungsbedarf durch die örtliche Kirchengemeinde war nicht mehr gegeben. Erste Überlegungen, den Gebäudebestand zur Kindertagestätte umzunutzen und zu erweitern, wurden wegen einer direkt unter dem Gebäude verlaufenden U-Bahn-Trasse und den daraus für Schall- und Erschütterungsschutz notwendigen hohen Investitionen im Verhältnis zur erzielbaren Nutzfläche verworfen. 

 

Das Evangelische Siedlungswerk in Bayern, als größtes evangelisches Wohnungsunternehmen in Deutschland, konnte hier mit einer Mischung aus einer quartiersbezogenen Einrichtung zur Tagesbetreuung von Senior:innen und bezahlbaren Seniorenwohnungen mit ambulanter Versorgung ein schlüssiges Konzept für die Transformation anbieten und gleichzeitig einen sichtbaren Beitrag zur sozialen Wohnraumversorgung leisten. Mit der Stadtmisson Nürnberg, einer gemeinnützigen, kirchlichen Organisation zur Unterstützung von Menschen, war auch schnell der richtige Partner für die Tagesbetreuung der Senior:innen direkt aus dem Haus und aus der näheren Umgebung gefunden. 

 

Abb. 01 

 

Das Grundstück liegt in heterogener Umgebung zwischen denkmalgeschützter Schule, gewachsener und neuerer Stadtstruktur am Rande eines denkmalgeschützten Friedhofs. Die Herausforderung, Seniorenwohnen in unmittelbarer Nähe zu einem Friedhof zu verorten, wurde von allen Beteiligten mutig und entschlossen angenommen.  

 

Die neue Bebauung schafft 50 identische öffentlich geförderte 2-Zimmer-Wohnungen zur Miete, die als flexibel nutzbare, barrierefreie Seniorenwohnungen sowohl für eine als auch zwei Personen genutzt werden können. Im Erdgeschoss befindet sich die Tagespflege.  

 

Mit einem einfachen Bebauungsplan und Festsetzung des Bauraums für ein freistehendes, aber im Weiteren unbestimmtes Gebäude, lag keine qualifizierte städtebauliche Satzung zur Ableitung von Baurecht vor. Die Entwicklung des Projektes bis zur Genehmigungsfähigkeit durchlief den klassischen Weg über eine Bauvoranfrage zur Baugenehmigung. In diesem Prozess fand ein intensiver Austausch der Architekten von dreisterneplus mit Stadtplanung und Denkmalschutz zu den bereits sehr detaillierten städtebaulichen und gestalterischen Zielen und Qualitäten statt. Die kompetente Befassung im Baukunstbeirat hat das ambitionierte Projekt nachhaltig unterstützt, zusätzliche Impulse eingebracht und zur Umsetzung des unkonventionellen, aber auch komplexen Lösungsvorschlags ermutigt. Auch die Öffentlichkeit wurde einbezogen. Trotz des dringlich angezeigten Bedarfs von geeignetem Wohnraum für die ältere Generation im Stadtbezirk stieß das Projekt beim Austausch mit dem örtlichen Bürgerverein allerdings, wegen der Sorge vor einer zu hohen Verdichtung, auf wenig Gegenliebe. 

 

Am Übergang der gründerzeitlichen Blockrandbebauung im Süden zum neuzeitlich entwickelten Stadtteil im Norden Sankt Leonhards vermittelt der Friedhof als Freifläche mit seinem ortsprägenden Baumbestand. Genau dort, wo diese unterschiedlichen städtischen Strukturen zusammentreffen, gegenüber der Schule, setzt sich der solitäre Wohnturm als Schwerpunkt in den Grünraum und zentriert die Umgebung. Seine Körperhaftigkeit wirkt im Stadtraum einerseits skulpturhaft, andererseits in unmittelbarer Umgebung raumgreifend und spielerisch zwischen dem vorgefundenen Baumbestand. 

 

Der 8-geschossige Baukörper steht frei auf dem Grundstück und ordnet die 7 Wohnungen pro Geschoss windmühlenartig um einen zentralen Erschließungsraum, sodass der Blick aus jeder Wohnung ein möglichst großes Panorama eröffnet. Die Kubatur gliedert sich in schmale, schlanke Fassadenflächen, die sich in ihrer Proportion an den vorgefundenen Giebelseiten der Umgebung orientieren. Der Baukörper steht somit einerseits selbstbewusst expressiv frei auf dem Grundstück, gliedert sich jedoch gleichermaßen einfühlsam in die Umgebung ein und ordnet sich den Proportionen der Schule und der Bäume unter. 

 
Die Form nimmt damit gleichermaßen Rücksicht auf die Ausrichtung der Wohnungen, die Wirkung des Baukörpers nach außen sowie den dichten umgebenden Baumbestand. 

 

Abb. 02 (Grundriss) 

 

Die Architektur sucht ihre Antwort auf die komplexe Fragestellung durch einen integralen Ansatz: Ökologische und soziale Nachhaltigkeit, ein gewissenhafter Umgang mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen waren ebenso zu berücksichtigen, wie die baukulturelle Rolle dieses Projektes im Stadtraum. So ist die Bebauung durch die Lage zwischen Friedhof und Schule in besonderer Abstimmung mit der Stadt und dem Baukunstbeirat durch die Architekten entwickelt worden. Die Gebäudekubatur wurde fein differenziert und unter Berücksichtigung der bedeutenden Bestandsbäume eingefügt. 

 

Eine minimierte Versiegelung, die effiziente und modulare Typologie, die einfache, massive Baukonstruktion tragen ebenso zur nachhaltigen Entwicklung dieses Grundstückes bei, wie die identitätsstiftende und kontextbezogene Architektur. 

 

Die Lage des Projektes in unmittelbarer Nähe zur U-Bahntrasse erforderte eine komplexe Planung und Baukonstruktion vor allem bezogen auf die Gründung des Gebäudes. Eine Tiefgründung auf Bohrpfahlraster und ein lastverteilender Trägerrost waren zur Überbrückung der unter dem Haus hindurchführenden U-Bahntrasse ebenso notwendig, wie Entkoppelungsmaßnahmen als Schutz vor Erschütterungen und ein Baumschutzverbau. Zwischen den bedeutenden Bestandsbäumen wurde der genaue Standort des Gebäudes präzise ausgerichtet und die Bäume, insbesondere die Wurzelballen, im Bauablauf geschützt. 

 

Die Fassade wird mit Wärmedämmziegel ausgeführt und verputzt. Die Balkonelemente bekommen einen eigenen körperhaften Ausdruck und sind gestalterisch und konstruktiv dem Rohbau vorgehängt. 

 

Abb. 03 

 

Durch die Lage im gewachsenen Stadtkörper ist das Grundstück in eine hervorragende Versorgungs- und Verkehrsinfrastruktur eingebunden. In unmittelbarer Umgebung befinden sich die wesentlichen Einrichtungen für den täglichen Bedarf. Zusammen mit der speziell für die ältere Generation bestimmten Nutzung war eine deutliche Reduzierung der Stellplatznachweispflicht möglich. In enger Abstimmung mit der Stadt Nürnberg und bedingt durch die Lage über der U-Bahntrasse konnte auf eine Tiefgarage verzichtet werden. Die für den Betrieb der Tagespflege notwendige Anlieferung und der Sammel-Personentransport gelingt mit wenigen ebenerdigen Stellplätzen. 

 

Das Projekt leistet einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung und Betreuung der älteren Menschen in einem ausgewogenen Sozialgefüge und schließt mit dem barrierefreien Wohnraumangebot in einem Stadtteil mit hohem Altbaubestand eine vorhandene Lücke. Alle Wohnungen im Haus waren sofort mit Fertigstellung vermietet. Die hohe Zufriedenheit der Bewohner:innen bestätigt den ambitionierten konzeptionellen Ansatz und die spürbar nachhaltige Umsetzung.  

 

Bei entstehendem Pflegebedarf ermöglicht die Kombination von Seniorenwohnungen und einer Tagespflegeeinrichtung den Bewohner:innen, in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben. Im Erdgeschoss des Gebäudes wurde der Wohnnutzung ein zusätzlicher Gemeinschaftsraum zugeordnet. Ein einfacher Garten unter den imposanten Bestandsbäumen, von der Bestandsmauer umschlossen, schafft darüber hinaus einen gemeinschaftlichen geschützten Aufenthaltsort für die Hausgemeinschaft, Tagesgäste und Besucher. Neben den zuvor beschriebenen Aspekten handelt es sich bei dem Projekt um eine Revitalisierung und Nachverdichtung. Das ehemals verschlossene, mit dem nicht mehr benötigten Pfarrhaus der örtlichen Kirchengemeinde bebaute Grundstück war von markanten Bäumen sowie einer hohen Mauer eingesäumt. Eine Öffnung des früher abgeschlossenen Areals für die vielfältigen Nutzer der Tagespflege sowie für die Bewohner:innen der 50 Seniorenwohnungen trägt zur guten Integration des anfangs noch ungewohnten neuen Baukörpers bei. 

 

Abb. 04 

 

Mit Fortschritt der Bauarbeiten wurde schnell sichtbar, wie das neue Haus an diesem besonderen Ort einen selbstverständlichen Akzent setzt, die richtigen Bezüge aufgreift und durch sorgfältige Details in den feinfühligen Dialog mit der unmittelbaren Umgebung tritt. Die Sorge vor zu hoher Dichte durch das hochgewachsene Gebäude hat sich in Akzeptanz und Anerkennung gewandelt. Wichtig ist dabei auch die vermittelnde Wirkung der mächtigen, alten Bäume auf dem Grundstück. Der hohe Aufwand zu deren Erhaltung war richtig und lohnend. 

 

Das sozial ausgerichtete Wohnraum- und Versorgungsangebot für Senior:innen ist eine Bereicherung für die Vielfalt und das generationenübergreifende Zusammenleben im Stadtteil. Verbunden mit der Reaktivierung einer brachliegenden Fläche ist das Projekt ein sehr positives Beispiel für den ressourcenschonenden Umgang mit den wenigen noch innerstädtisch zur Verfügung stehenden Baugrundstücken. 

Projektdaten

  • Marodes Pfarrhaus auf zentralem Grundstück
  • Abriss und Neubau
  • 50 bezahlbare Seniorenwohnungen
  • Denkmalgeschützte Umgebung
  • Erhalt von altem Baumbestand

"equadra ist bestes Unternehmen, ganz toll, wir stehen voll dahinter"

 

— Oberkirchenrätin

"equadra ist ganz toll, bestes unternehmen"

 

— Max Mustermann

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